Gesundheit: Geschäftschance und Bedrohung der Sozialsysteme
Der Gesundheitssektor gilt als eine der zentralen Wachstumsbranchen des 21. Jahrhunderts. Wesentlicher Treiber dafür ist der technische Fortschritt, der mit hohem Tempo voranschreitet. Erweitert man die Betrachtungsweise von der Frage „Was macht krank?“ zur Frage „Was hält gesund?“, kommt die Prävention als zusätzliches Marktsegment in den Blick. Daran können Potenzmittel, Medikamente zur Leistungssteigerung und kosmetische Chirurgie ebenso anknüpfen wie Wellness-Produkte, Energy-Drinks und Fitnessstudios. Betrachtet man Gesundheit nicht als Markt, sondern als vom Staat zu organisierende und von der Gesellschaft zu refinanzierende Leistung, verändert sich die Perspektive deutlich. Der demografische Wandel erscheint dann nicht in erster Linie als Geschäftschance, sondern als Bedrohung für die Finanzierbarkeit der Gesundheitssysteme: Immer weniger junge Menschen zahlen in die Kassen ein, immer mehr Senioren müssen aus diesem Topf versorgt werden – eine Rechnung, die nicht aufgehen kann, zumal die Gesundheitskosten mit dem Alter stark zunehmen. Die Hoffnungen konzentrieren sich auf einen Umbau der Systeme.
Der gestaltbare Mensch
Ein Tropfen Blut, Urin oder Speichel wird wohl künftig ausreichen, um Krebs nachweisen zu können. Die Forschung an Atomen, Molekülen und Genen verspricht neue Therapieerfolge, etwa künstlich gezüchtete Organe oder implantierbare Medikamentendosiersysteme. Schon bald wird es möglich sein, Erbkrankheiten vor der Geburt zu erkennen, Menschen mit bestimmten Eigenschaften auszustatten und körperliche Mängel zu vermeiden. Das wirft eine Vielzahl ethischer Fragen auf. Zur gestaltbaren Größe wird künftig auch die Leistungsfähigkeit des Menschen. Im Sportbereich können Kunstgelenke und -organe leistungssteigernd wirken. Moderne Prothesen werden mit Mikroprozessoren gesteuert, die an menschliche Nervenzellen angeschlossen sind. Bereits etabliert hat sich die „kosmetische Neurologie“: Medikamente, die wie das Amphetaminpräparat Adderall die Konzentrationsfähigkeit steigern, sind bei Managern, Schauspielern und Elitestudenten beliebt.
Reform der Gesundheitssysteme
Die Gesundheitssysteme der OECD-Länder geraten zunehmend unter Druck, da absehbar alters- und ernährungsbedingte Krankheiten wie Diabetes, Übergewicht und Demenz häufiger auftreten, was zu enormen Kosten führt. Ein über 65-Jähriger verursacht im Durchschnitt drei- bis viermal so hohe Ausgaben für die Kassen wie ein Erwerbstätiger. Die Menschen sind zunehmend bereit, für den Erhalt ihrer Gesundheit zu bezahlen. Da die Kassen ihre Leistungen künftig noch stärker einschränken dürften, wird das auch nötig sein. Damit droht jedoch eine 2-Klassen-Medizin: Gesund ist dann, wer es sich leisten kann. Um die Probleme der Gesundheitssysteme in den Griff zu bekommen, wurden in den vergangenen Jahren verstärkt Prozessinnovationen diskutiert. Dazu gehören Konzepte wie Disease-Management-Programme, die integrierte Versorgung und das Fall-Management. Mit der Einführung der Fallpauschalen sind Krankenhäuser gezwungen, die Liegezeiten ihrer Patienten zu verkürzen. Das Patientenhotel stellt eine innovative Reaktion darauf dar. Patientenhotels sind an Krankenhäuser angeschlossen, bieten aber ein niedrigeres Pflegeniveau an. Dadurch sinken die Kosten, und die Krankenhäuser profitieren.
Armut, Hunger, Übergewicht
„Das größte Gesundheitsrisiko heißt Armut“, sagt der Gesundheitswissenschaftler Rolf Rosenbrock. In Deutschland ist, so Rosenbrock, das Risiko, ernsthaft zu erkranken, für Menschen aus dem unteren (also ärmsten) Bevölkerungsfünftel doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Global gilt der Zusammenhang umso stärker: Eine qualitativ hochwertige Ernährung, ein hygienisches Lebensumfeld und eine gute medizinische Versorgung korrelieren mit dem Wohlstand einer Gesellschaft. Arme Länder sind deshalb kranke Länder. Von neuen Therapiemethoden profitieren sie kaum; selbst eine Basisversorgung mit medizinischen Leistungen ist vielfach nicht gegeben. Bis 2015 soll die extreme Armut laut UN-Millenniumsziel weltweit halbiert werden. Damit verbunden ist die Anstrengung, den Hunger und den Hygienemangel vor allem in den Entwicklungsländern nachhaltig zu bekämpfen. Allerdings kann auch Wohlstand der Gesundheit schaden – die westliche Welt hat ebenfalls ein Ernährungsproblem: Schon heute ist jeder zweite Deutsche übergewichtig. Jeder fünfte fällt sogar unter das Krankheitsbild Adipositas (Fettleibigkeit) – Tendenz steigend. Das liegt vor allem an einer zu fetthaltigen Ernährung und Bewegungsmangel.