Im Handbuch Zukunft 2010, einer Kooperation zwischen dem FOCUS Magazin Verlag und Z_punkt, werden zentrale Zukunfts-Handlungsfelder mit hoher Dynamik skizziert. Sieben Fokusthemen geben Hinweise, worauf wir uns einstellen müssen. In loser Folge stellen wir im Z_punkt-Newsletter einige Themen inklusive eines Trends aus dem Trendglossar des Buches vor. Zweites Thema: "Stadt und Raum".
Wuchernde Moloche und Öko-Avantgarde vom Reißbrett
Städtisches Leben im 21. Jahrhundert
Seit dem Jahr 2007 sind mehr als die Hälfte der Menschen auf dem Planeten Städter. Der Anteil wird sich kontinuierlich vergrößern, bis 2030 auf fast zwei Drittel. Dann leben – nach Berechnungen der UN – weltweit knapp fünf Milliarden Menschen in Städten. Die Planung, Steuerung und Bewältigung dieses Wachstums gehört zu den großen Aufgaben des 21. Jahrhunderts. Städte werden zahlreicher, und sie werden immer größer. Im Jahr 1990 lebten 35 Prozent der urbanen Bevölkerung in Millionenstädten, 2015 sollen es schon 40 Prozent sein: 1,5 Milliarden Menschen. Städte sind in allen Ländern der Erde die dominanten Wirtschaftszentren. Im Großraum Tokio etwa werden rund 40 Prozent des japanischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Lagos beherbergt acht Prozent der nigerianischen Bevölkerung, ist aber für fast ein Drittel der Wirtschaftsleistung des Landes verantwortlich. Auch ökologisch ist das städtische Leben vorteilhaft: Eine hohe Siedlungsdichte spart Fläche, Energie und Ressourcen. Die "kompakte Stadt" gilt Experten wie dem Stadtplaner Richard Rogers als Ideal für eine nachhaltige Siedlungsform. Dieses Leitbild ist heute jedoch Vision, keine Realität – noch sind die größten Städte auch die größten Klimasünder, energiehungrig und verschwenderisch.
Planung und Steuerung wuchernder Städte
Funktionsfähige städtische Strukturen überhaupt erst aufzubauen ist das oberste Ziel in durch informelles Wachstum geprägten Städten wie zum Beispiel dem nigerianischen Lagos, ebenso Sanaa im Jemen. Shanghai und andere aufstrebende Städte in den Schwellenländern wachsen dynamisch, sind aber in stärkerem Maß in der Lage, dieses Wachstum auch zu bewältigen und der anwachsenden Stadtbevölkerung Arbeit und adäquate Infrastrukturen zur Verfügung zu stellen. Dennoch führen sie einen ständigen Wettlauf gegen den urbanen Kollaps. Für die reifen, alternden Metropolen der OECD-Länder, etwa Tokio, London oder Berlin sind der Umbau und die Erneuerung von Infrastrukturen sowie die Anpassung der Stadtgestalt an das Leitbild der Nachhaltigkeit die zentralen Zukunftsthemen. Das frühe 21. Jahrhundert ist charakterisiert durch das Nebeneinander von Planungen für öko-avantgardistische Reißbrettstädte und dem Versuch, wuchernde Moloche überhaupt erst steuerbar zu machen. Stadtentwicklungsprojekte wie Masdar haben dabei eine Leuchtturmfunktion, indem sie Maßstäbe für eine moderne, nachhaltige Planung setzen. Dazu gehören eine Energieversorgung, die ausschließlich auf regenerative Quellen setzt, und ein neuartiges Konzept des Nahverkehrs: Unterirdisch werden Trassen für Fahrzeuge errichtet, die nicht auf festen Linien verkehren, sondern je nach Fahrgastwunsch in der Lage sind, ein bestimmtes Ziel direkt anzusteuern.
Schrumpfungsprozesse bewältigen
Nicht nur das Bevölkerungswachstum fordert den Städten einige Anstrengungen ab. In einer zunehmenden Zahl von Städten in den Industrieländern ist es künftig umgekehrt die Schrumpfung der Bevölkerung, die bewältigt werden muss. Bei sozialen Einrichtungen stellt sich dann vermehrt die Frage, ob sie angesichts einer geringer werdenden Nachfrage noch tragfähig sind; Gebäude müssen abgerissen werden, was massive Interessenkonflikte nach sich ziehen kann; Wasserleitungen drohen auf Grund einer zu geringen Auslastung marode zu werden. Insgesamt müssen in den nächsten 25 Jahren um die 40 Billionen US-Dollar in städtische Infrastrukturen investiert werden, haben Unternehmensberater von Booz Allen Hamilton ausgerechnet. Die Finanzierung von Infrastrukturinvestitionen stellt viele Stadtverwaltungen vor große Probleme. Da mit Ideallösungen in diesem Bereich nicht zu rechnen ist, müssen auch alternative Finanzierungsmodelle erprobt werden, etwa in Form von Partnerschaften privater und öffentlicher Akteure, die in privat geplante, gebaute und betriebene Infrastrukturen münden und so die öffentlichen Haushalte entlasten.
(weltweit in Mrd. Dollar, Quelle: OECD 2007)
Der Investitionsbedarf im Infrastrukturbereich – sei es in Straßen, Schienen, Häfen, Flughäfen oder Kanalisationen – ist exorbitant. In den industrialisierten Staaten stehen die Pflege und effizientere Auslastung der bestehenden, aber veralteten Einrichtungen im Vordergrund. Im Londoner Wassernetz beispielsweise gehen jährlich rund 40 Prozent des Wassers durch Leckagen verloren. Ferner sind, angesichts des Bevölkerungsrückgangs, viele Einrichtungen überdimensioniert. In den Entwicklungs- und Schwellenländern hingegen muss eine Grundinfrastruktur überhaupt erst geschaffen werden. Die Gelder fließen vor allem in die verstädterten Räume und in die Verbindungen zwischen ihnen. Dadurch verschärft sich der Kontrast zu ländlichen Regionen mit nur rudimentär angelegten Verkehrswegen. Global gesehen, ist die Nachhaltigkeit von Infrastrukturen ein beherrschendes Thema: Sie sollen auf intelligente Weise die Bevölkerung mit dringend benötigten Ressourcen versorgen und dabei die Ökosysteme schonen.
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