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Die nächste Welle der digitalen Transformation rollt an

Die nächste Welle der digitalen Transformation rollt an

Vergessen Sie alles, was Sie bisher über die "digitale Revolution" gehört haben. New Economy, Web 2.0 und mobiles Internet waren erst der Anfang. In den kommenden Jahren wird das Internet mit unserer Umwelt verschmelzen. Eine "Superkonvergenz" aus vernetzten Alltagsgegenständen, intelligenten Sensoren, autonomen Maschinen und überall verfügbarer Computerleistung entsteht. Die nächste Welle der digitalen Transformation wird unseren Alltag verändern, neue Märkte schaffen und die Spielregeln für das Business massiv verändern. Willkommen in der Connected Reality.

Von Andreas Neef und Klaus Burmeister

Mit dem World Wide Web begann 1989 eine technologische und kulturelle Revolution. E-Commerce, Social Media und mobiles Internet haben die Bedingungen des Alltags, der Arbeits- und Geschäftswelt seitdem radikal verändert. Der Rückblick könnte zum Fehlschluss verleiten, dass die Erfolgsgeschichte der Digitalisierung auserzählt sei. Sind die zentralen Claims im Netz abgesteckt? Kommt ab jetzt nur noch „mehr vom Selben“? 

Das Gegenteil ist der Fall. Viel spricht dafür, dass die digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft erst am Anfang steht. Getrieben wird die Entwicklung von neuen Technologien, die sich wechselseitig verstärken und weiter zusammenwachsen, in teilweise atemberaubender Geschwindigkeit. Ihre disruptiven Wirkungen haben bereits erste Branchen erfasst, stellen herkömmliche Geschäftsmodelle in Frage und eröffnen neue Märkte, schaffen neue Gewinner und neue Verlierer. 

The biggest thing in the next twenty years will be the completion of pervasive computing. Vision, speech, handwriting, googles, every surface, infinite machine learning, infinite storage, infinite reliability, at essentially no cost.  Bill Gates in Wired, 16.04.2014

Und die Vernetzung nimmt weiter exponentiell zu, auf globaler, lokaler und mikrolokaler Ebene, und mündet zukünftig in eine informationstechnische „Superkonvergenz“: Im Netz der Zukunft sind Menschen mit Menschen verbunden, Dinge und Maschinen mit anderen Dingen und Maschinen, Menschen mit Dingen und Maschinen und umgekehrt. Es entsteht ein „Internet of Everything“ – mit tiefgreifenden Auswirkungen. 

Das Nebeneinander der physischen, anfassbaren Wirklichkeit und eines Cyberspace, in den wir durch Displays wie durch Bullaugen nur hineinschauen, verschwindet. Der Cyberspace breitet sich in die Offline-Welt aus, erfasst Alltagsgegenstände, schreibt Datenschichten in den Raum. Die Realität erweitert sich nicht nur, sie digitalisiert sich auch in ihrem stofflichen Gewebe. 

Trends und Treiber der Connected Reality 

Die Superkonvergenz in der Informationstechnik wird angetrieben von gesteigerter Vernetzung, Miniaturisierung und dem Performancezuwachs bei Prozessoren, Speichern und Sensoren. Diese Entwicklung schlägt sich in fünf technologischen Trends nieder: 

  1. Internet der Dinge. Das Internet der Server wird zum Internet der Dinge ausgebaut, in dem auch Maschinen, Anlagen und Produkte vernetzt werden.
  2. Ubiquitäre Intelligenz. Die Daten, die sie liefern und die in der Cloud mit Big-Data-Verfahren verarbeitet werden, statten Räume mit neuen Leistungsmerkmalen und Diensten aus, mit einer ubiquitären Intelligenz.
  3. Neue Schnittstellen. Einen schnellen und direkten Zugriff auf diese ermöglichen neue Schnittstellen wie Datenbrillen, die der nächste qualitative Sprung nach Smartphones sind. Sie erschließen im kommenden Jahrzehnt Augmented-Reality-Anwendungen für den Massenmarkt.
  4. Digitale Produktion. Die Weiterentwicklung des 3D-Drucks und anderer dezentraler Produktionstechnologien verkürzt den Weg vom virtuellen Design hin zur physischen Realisierung. Kleine und schnelle Netzwerke treten in Konkurrenz zu großen Produktionsstrukturen, cyber-physikalische Systeme schicken sich zukünftig an, die Industrie zu revolutionieren. Eine leistungsfähige digitale Produktion ist im Entstehen.
  5. Autonome Systeme. Unterstützt wird die digitale Produktion von Autonomen Systemen wie lernfähigen Industrierobotern und Software-Agenten. 

Diese technischen Trends treffen mit gesellschaftlichen Innovationstreibern zusammen: 

  1. Digitaler Lebensstil Der digitale Lebensstil, der bislang vom Konsum neuer Medieninhalte und der Kommunikation in Netzwerken geprägt war, intensiviert sich.
  2. Der neue Geist der Autarkie. Gesundheit und Fitness rücken ins Blickfeld, aber etwa auch der Austausch von Dingen und Diensten in der „Sharing Economy“. Immer mehr Konsumenten entdecken mit Hilfe neuer Tools die Lust am Selbermachen, ein neuer Geist der Autarkie fordert Hersteller und Dienstleister heraus.
  3. Echtzeit-Ökonomie. Die Anbieter wiederum forcieren in der Echtzeit-Ökonomie das Tempo, mit dem sie Kunden beliefern, ja über den Kauf hinaus mit neuen Dienstleistungen begleiten.
  4. Ressourceneffizienz. Eingerahmt werden diese Treiber, die aus Wirtschaft und Gesellschaft heraus wirken, von zwei Anforderungen, die ihrerseits Innovationen verlangen. Klimawandel und drohende Rohstoffverknappungen legen mehr Ressourceneffizienz nahe. 
  5. Sicherheit. Zudem verlangen eine stetig zunehmende Cyberkriminalität, die potenzielle Bedrohung durch Terrorismus, aber auch eine Risikoaversion im Alltag nach mehr Sicherheit. 

Die Trends sind alle nicht neu, teilweise werden sie bereits seit Jahrzehnten diskutiert. Über das Internet der Dinge und „Things, that think“ etwa wird schon seit den frühen 90er-Jahren am MIT geforscht. Szenarien der „Ambient Intelligence“, also einer hochvernetzten intelligenten Alltagswelt, waren schon Ende des letzten Jahrtausends Gegenstand großer Zukunftsprojekte der Europäischen Union. Neu ist hingegen die plötzliche Dynamik der Entwicklungen, die sich aus dem veränderten gesellschaftlichen Kontext und dem Reifegrad zentraler Technologiemärkte ergibt. Nachdem die IT in den vergangenen Jahrzehnten Schreibtische, Hosentaschen und zunehmend auch die Wohnzimmer erobert hat, ist nun der Rest der Welt an der Reihe. 

Ein neues Betriebssystem

Je tiefer die digitale Vernetzung in alle Sphären des Lebens und in alle Bereiche des wirtschaftlichen Handelns eindringt, desto mehr wird sie zum elementaren Bestandteil unserer alltäglichen Wirklichkeit, einer veränderten Wirklichkeit, in der es für die kommenden Generationen unverständlich sein wird, wie man mit „dummen Dingen“ leben konnte, die nicht permanent mit der Cloud verbunden sind, oder wie man sich ohne Datenbrillen und vorausschauenden Informationsdiensten überhaupt im Leben zurechtfinden konnte. Das ist keine ferne Zukunft, sondern es beschreibt eine Entwicklung, die längst begonnen hat und in den kommenden ein bis zwei Jahrzehnten nicht nur unseren Alltag und die Prozesse der wirtschaftlichen Wertschöpfung verändern wird, sondern auch unser Konzept der Wirklichkeit selbst. 

Die informationstechnische Superkonvergenz hat das Potenzial, ein ganz neues Betriebssystem hervorzubringen.

Wenn wir von der Connected Reality als Bild für die Transformationskraft der informationstechnischen Superkonvergenz sprechen, dann ist dies ebenso wagemutig wie vage. Zu oft werden Entwicklungen als das nächste große Ding beschrieben, das „wieder einmal alles ändert“. Auf der anderen Seite greifen informationstechnische Innovationen – vom Telefon über Internet bis zum Smartphone – stets sehr tief in das soziale und wirtschaftliche „Betriebssystem“ ein. 

Die sich abzeichnende informationstechnische Superkonvergenz hat das Potenzial, nicht nur ein Update, sondern tatsächlich ein ganz neues Betriebssystem hervorzubringen, das insbesondere unsere Erwartung an und unseren Umgang mit den uns umgebenden Dingen, Geräten und Räumen neu definiert. Wenn wir es in einigen Jahren gewohnt sein werden, dass wir jederzeit durch körpernahe Technologien, sogenannte „Weareables“, über Informationen zu Menschen Situationen und Objekten in unserer direkten Umgebung verfügen, oder wenn es Standard sein wird, dass intelligente Produkte, Häuser oder Fahrzeuge uns „erkennen“ und durch vernetzte Services auf unsere Bedürfnisse vorausschauend und miteinander koordiniert reagieren, dann wird uns schon bald eine Welt fremd vorkommen, der diese magischen Eigenschaften fehlen. Willkommen in der Connected Reality. 

Was Connected Reality für Unternehmen bedeutet

Das Zusammenwirken der Innovationstreiber ist bereits jetzt sichtbar, wenn etwa Augmented Lifestyle, neue Schnittstellen und Echtzeit-Ökonomie hybride Shopping-Angebote hervorbringen, in denen die Grenze zwischen klassischem und Online-Einzelhandel aufgehoben wird. Oder wenn ubiquitäre Intelligenz, Big Data und Sicherheitsanforderungen internationale Unternehmen dazu bewegen, Projekte im Cloud Working durchzuführen. Es gibt zahlreiche Trendsignale, die zeigen, wie sich die Superkonvergenz anbahnt: Die digitale Transformation schafft neue Rahmenbedingungen für die Wirtschaft.

  • Akteure: Business-Ökosysteme. Je tiefer die Hypervernetzung von digitaler und physikalischer Welt in die Wertschöpfung hineingreift, desto mehr verliert das einzelne Unternehmen an Gestaltungsmacht. Zukünftig müssen wir daher stärker in vernetzten Wertschöpfungsprozessen denken: in Business-Ökosystemen. Nicht einzelne Unternehmen werden in der Connected Reality im Wettbewerb miteinander stehen, sondern konkurrierende Business-Ökosysteme.  
  • Wettbewerb: Die Neue Macht der Integratoren. In hypervernetzten Märkten verschieben sich die Machtverhältnisse in Richtung der Integratoren. In der Ökonomie der Connected Reality spielt nicht Größe die entscheidende Rolle im Wettbewerb, sondern die Fähigkeit, Wertschöpfungsprozesse und Akteure intelligent zu verknüpfen, um dem Kunden mit individuellen und flexiblen Produkt- und Servicebündeln den höchstmöglichen Mehrwert zu bieten. Wer die Integratoren sein werden, ist aus heutiger Sicht noch offen.  
  • Märkte: Querschnittsmärkte. Wenn der Kunde ins Zentrum rückt, macht die Lösung nicht an klassischen Branchen- oder Segmentgrenzen halt. Diese verlieren zu Gunsten von Konvergenz- oder Querschnittsmärkten in der Connected Reality an Bedeutung. Klassisches Beispiel ist die Ernährungsbranche, die sich heute bereits in vielfältiger Weise mit den Bereichen Gesundheit, Medizin und Kosmetik überschneidet. 
  • Innovation: Systeminnovation. Die Geschäftschancen auf dem Weg zur Connected Reality lassen sich nicht mehr allein durch verbesserte Produkte erschließen. Neue Geschäftskontexte entstehen durch Systeminnovationen: durch Ansätze, komplett neue Lösungen für die gesellschaftlichen Bedürfnisse auf Grundlage der Hypervernetzung zu schaffen. Systeminnovationen können allerdings nicht von einzelnen Akteuren entwickelt und umgesetzt werden. Sie brauchen Kooperationen, Entwicklungsallianzen und ein Denken in komplexen Wertschöpfungsmustern, denen sich eine rein technologische Innovationslogik unterordnen muss. 

Die Umsetzung der neuen ökonomischen Rahmenbedingungen der Connected Reality wird bei den Unternehmen zwangsläufig zu einem Umsteuern führen. Aus heutiger Sicht werden in den nächsten Jahren dabei vier Transformationsfelder im Vordergrund stehen: 

  • Datenbasierte und kooperative Wertschöpfung. Daten sind die Weltwährung der Ökonomie in der Connected Reality. Externe und interne Daten in hoher Qualität zu gewinnen und zu analysieren, aus ihnen die richtigen Schlüsse zu ziehen und diese Erkenntnisse im Wertschöpfungsprozess in Echtzeit umzusetzen, wird branchenübergreifend zu einer Kernkompetenz. Dies gilt für einen Weltkonzern ebenso wie für ein mittelständisches Maschinenbauunternehmen oder einen kleinen Handwerksbetrieb. 
  • Antizipative Echtzeit-Interaktion. Die Entwicklungsbemühungen um Big Data Analytics und ubiquitäre Intelligenz an der Kundenschnittstelle verfolgen im Kern ein Ziel: Probleme zu lösen oder Bedürfnisse zu befriedigen, noch bevor diese Probleme tatsächlich auftreten oder diese Bedürfnisse explizit geäußert werden. Voraussetzung dafür ist, dass Hersteller und Kunde datentechnisch dauerhaft miteinander verbunden sind und in Echtzeit interagieren koönnen. 
  • Hybridisierung und Fluidisierung von Produkten. Die Hybridisierung von Produkten in Form von Produkt-Service-Bündeln ist in vielen Branchen seit Jahren gängige Praxis. Mit dem Internet der Dinge wird diese Verschmelzung materieller Produkte und immaterieller Dienstleistungen auf eine tiefere Ebene gebracht, insofern die Dienste tatsächlich auch technologisch ins Produkt „eingebettet“ sind. Der Service wird dadurch kein Leistungs-Additiv, sondern elementarer Bestandteil des Produkts selbst. 
  • Smarte Automatisierung. Die Vision der Smarten Fabrik in der Industrie 4.0, in der die Produkte ihren eigenen Herstellungsprozess steuern, macht die Potenziale einer nächsten Welle der industriellen Automatisierung bereits deutlich. Je autonomer Softwaresysteme und Maschinen agieren können, desto näherliegender ist es jedoch, ihren Einsatz über die Smarte Fabrik hinaus auszuweiten. Die Technologien der Connected Reality erzeugen neue Automatisierungsoptionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Alle diese Entwicklungen sehen wir heute bereits in Ansätzen; sie sind im Einzelnen Gegenstand von Beraterstudien und Strategiekonferenzen. Je mehr sich die Dynamik entwickelt, desto wichtiger erscheint es, die unterschiedlichen Trends und Zukunftsentwicklungen in ihrem Zusammenhang zu begreifen, um ein „Big Picture“ zur strategischen Orientierung zu schaffen. Die Studie “Connected Reality” begreift sich als ein erster Schritt auf diesem Weg.