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16.09.2016

Schaffen wir das? Zwei Szenarien für Deutschlands Zukunft

Wie wird Deutschland zehn Jahre nach Angela Merkels Satz „Wir schaffen das!“ aussehen? Sind Hunderttausende Einwanderer und Flüchtlinge in eine offene und wohlhabende Gesellschaft integriert? Oder schaffen wir es nicht und kehren zurück zu nationaler Abschottung? Dazu hat ein renommierter Expertenkreis im Rahmen einer Initiative der Alfred Herrhausen Gesellschaft zwei Szenarien erarbeitet. Das Beratungsunternehmen Z_punkt hat den Prozess methodisch strukturiert und die Ergebnisse inhaltlich ausgearbeitet. Diskutiert werden die beiden Szenarien unter dem Titel „Deutschland 2025 – Haben wir’s geschafft?“ am 23. September in Berlin auf der diesjährigen Denk ich an Deutschland-Konferenz, veranstaltet von der Alfred Herrhausen Gesellschaft und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Die Szenarien verdeutlichen, dass Migration und Integration zentrale Gestaltungsaufgaben für die deutsche Politik und Gesellschaft sind. Holger Glockner, Managing Director

Wie sieht Deutschland zehn Jahre nach Angela Merkels Satz "Wir schaffen das" aus? Die Szenarien der Alfred Herrhausen Gesellschaft bilden den positiven und negativen Pol eines Spektrums an Möglichkeiten ab.

„Die Szenarien sind keine Prognosen. Sie bilden die Extreme, den positiven und den negativen Pol eines Spektrums an Möglichkeiten ab“, sagt Holger Glockner, Geschäftsführender Gesellschafter beim Beratungsunternehmen Z_punkt The Foresight Company und einer der Autoren der Zukunftsanalyse. „Sie verdeutlichen, dass Migration und Integration zentrale Gestaltungsaufgaben für die deutsche Politik und Gesellschaft sind.“

„Wir wollen Denkanstöße geben, die über die nächste Meinungsumfrage, die nächste Wahl hinaus reichen“, sagt Thomas Matussek, Geschäftsführer der Alfred Herrhausen Gesellschaft. „Das Thema Flüchtlinge wird Deutschland noch jahrzehntelang begleiten.“

Szenario: „Wir schaffen das!“

Wir schreiben das Jahr 2025. Hunderttausende vor zehn Jahren nach Deutschland geflüchtete oder eingewanderte Menschen tragen als „neue Deutsche“ zur Aufbruchsstimmung, Dynamik und Vielfalt im Land bei. Gut ausgebildet sind sie unverzichtbarer Teil der Unternehmen, die ihren Fachkräftemangel mindern konnten. Die ehemaligen Einwanderer und Flüchtlinge sind nicht nur in den Städten sondern auch auf dem Lande gut in die Gesellschaft integriert. Dort befördern sie den Aufschwung vieler Dörfer. Sie füllen die Lücken, die der demografische Wandel und der Bevölkerungsrückgang vor allem in ländlichen Räumen zu hinterlassen drohte.

Die Weichen für diese positive Entwicklung waren früh gestellt worden. Mit entscheidend war im Jahr 2017, dass sich eine Mehrheit im Lande für Offenheit, Toleranz und Solidarität einsetzt, schockiert über den zweistelligen Stimmenanteil rechtpopulistischer Parteien bei der Bundestagswahl. Die neue Bundesregierung einigt sich ergänzend zum Asylrecht auf eine schlüssige Einwanderungspolitik, die die Qualifikationen potenzieller Einwanderer zum Maßstab macht. In der Folgezeit bringen Verwaltungsreformen, ein verbesserter Zugang von Asylbewerbern zum Arbeitsmarkt und eine aktive Integrationspolitik Flüchtlinge schnell in Arbeit und entlasten die Sozialsysteme.

Zusammen mit Erfolgsmeldungen aus den ländlichen Räumen und dem Vermeiden von Migranten-Ghettos dominieren positive Schlagzeilen den „Kampf um Werte“ im Bundestagswahlkampf 2021: Toleranz vor Sicherheit, Offenheit statt Grenzen der Leistungsfähigkeit. Weitere Erfolge in der Integrationspolitik tragen dazu bei, dass sich in Deutschland eine Aufbruchsstimmung verbreitet.

Szenario: Die große Abschottung

Deutschland im Jahre 2025 schottet sich genauso wie die meisten europäischen Länder gegen die „neue Völkerwanderung“ ab. Es dominiert das Thema innere Sicherheit. Risikovermeidung und Misstrauen überwiegen bei den Integrationsmaßnahmen. Die Verantwortung für Integration wird primär auf Seite der Migranten gesehen. Aber in der Regel existieren dafür rechtliche Hürden, besonders auf dem Arbeitsmarkt. Gut ausgebildete Fachkräfte in der Industrie, in Pflege und Erziehung gibt es immer noch viel zu wenige. Das schwächt den Standort. Deutschland ist ein gespaltenes, zerrissenes  Land. Wohlhabende igeln sich in den Vorstädten mit privaten Sicherheitsdiensten ein. In den Migrantenghettos gilt das Recht der Clans. Eine Mittelklasse mit und ohne Migrationshintergrund ist eingezwängt zwischen einer globalisierten Elite und einer perspektivlosen Unterschicht. Glauben wird – auf islamischer wie auf christlicher Seite – zunehmend instrumentalisiert und damit zum Sprengstoff für die Gesellschaft.

Dazu beigetragen hatten nach den Wahlerfolgen der rechtspopulistischen Parteien im Jahr 2017 eine immer restriktivere Migrationspolitik und eine relativ willkürliche Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen. Zwar sollte die Digitalisierung die Verwaltung effizienter machen, doch die bürokratischen Abläufe blieben unangetastet.

Die „EU der Vaterländer“ gibt unter dem Druck der „Anti-Brüssel“-Bewegungen die Personenfreizügigkeit auf. Übrig bleibt als kleinster gemeinsamer Nenner der Binnenmarkt.

Deutschland verliert nach und nach seine Anziehungskraft für Menschen aus anderen Ländern. Es spricht sich herum, dass man jahrelang von Behörden hingehalten wird. Deutschtümelei und Fremdenhass tun ihr Übriges. Immer mehr Menschen packen ihre Sachen und verlassen Deutschland. Gut ausgebildete junge, innovative Kinder und Enkel der Babyboomer, die Nachkommen arrivierter Deutschtürken und Kinder eingewanderter Osteuropäer kehren dem Land den Rücken.  Zuvor hatten sich bereits Gerüchte um Produktionsverlagerungen aus Deutschland bestätigt.

Interview-Angebot

Holger Glockner, Geschäftsführender Gesellschafter von Z_punkt und einer der Autoren der Szenarien, steht für ein Interview und für Hintergrundinformationen zur Verfügung.