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Finanzen

Fake News als Treiber des Kryptowährungsbooms?

Im Silicon Valley machte zuletzt ein Gerücht die Runde, das eine echte Revolution der Wirtschaft bedeutet hätte. Dem zufolge gab es konkrete Pläne des Weltkonzerns Amazon, Bitcoin als Zahlungsmittel zu akzeptieren.

23.01.2018

Über Wochen wurde heftig spekuliert, Amazon könnte den Schritt bereits in Kürze bekannt geben. Amazon wäre damit das erste Unternehmen dieser Größenordnung gewesen, das eine Kryptowährung als Zahlungsmittel zulässt. Für die Finanzwelt hätte eine solche Verbreitung von Bitcoin nichts weniger als eine Revolution bedeutet. Das Vertrauen eines Handelsgiganten wie Amazon, über dessen Plattform Millionen von Transaktionen täglich abgewickelt werden, hätte auch das Vertrauen der Verbraucher in die Kryptowährung massiv gestärkt. Die Erwartung dieses Schritts und die Tatsache, dass auch seriöse Medien das Gerücht aufgriffen, trieben den Kurs weiter nach oben – was natürlich auch die Betrüger wussten, die das Gerücht in die Welt setzten. Der Boom hielt bis zum Dementi von Amazon an. 

Amazon ist damit kein Einzelfall. In den vergangenen Monaten machten mehrere Gerüchte über Kanäle wie Reddit, 4Chan oder auch Messenger-Dienste wie Telegram – sogenannte "Pump and Dump"-Aktionen – die Runde. So wurde etwa die Falschmeldung gestreut, dass Ethereum-Erfinder Vitalik Buterin bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei, was einen starken Kursverfall bei ETH, der Etherum-Kryptowährung, nach sich zog. Der Kurs stabilisierte sich erst wieder, als Buterin ein Selfie postete und so den Gerüchten ein Ende setzte. Auch der Kurs der Kryptowährung GVT wurde durch einen gefälschten Tweet innerhalb weniger Stunden von 30 Dollar auf 45 Dollar in die Höhe getrieben. IT-Guru McAfee riet angeblich dazu, in GVT zu investieren. Während der kurzen Hochphase der Währung stießen die Betrüger dann ihre Anteile ab, der Kurs fiel schließlich wieder auf 30 Dollar.

Unabhängig von den aktuellen Falschmeldungen werden Bitcoin und Co. von vielen Anlegern und Investoren vor allem als Spekulationsobjekt und eben nicht als realwirtschaftliches Zahlungsmittel betrachtet. Der frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Kenneth Rogoff, warnte in diesem Zusammenhang gar vor einer Spekulationsblase. Die geringe Durchdringung des realwirtschaftlichen Zahlungsverkehrs ist jedoch nur ein Grund dafür, dass sich Bitcoin harter Kritik ausgesetzt sieht. 

Kritische Äußerungen kommen regelmäßig auch aus der Finanzbranche. So bezeichnete etwa JPMorgan-Chef Jamie Dimon Bitcoin jüngst als Betrug – und das, obwohl viele Großbanken zurzeit den Handel mit Kryptowährungen selbst vorantreiben. So prüft etwa Goldman Sachs als erste große Wall-Street-Firma den Einstieg in den direkten Handel mit Bitcoin. Und doch fürchten alle etablierten Banken zugleich die neuen Währungen: Schließlich ist Bitcoin vor Jahren mit dem Ziel angetreten, die Macht der Banken zu brechen. 

Trotz der aktuellen Expertenskepsis und der Falschmeldungen lohnt es sich, das Gedankenspiel zu Ende zu denken, da die Gerüchte um Amazon das Potential einer tektonischen Plattenverschiebung in der Finanzbranche zeigen. Denn sollte ein Weltkonzern wie Amazon tatsächlich eines Tages Bitcoin oder eine andere Kryptowährung als offizielles Zahlungsmittel einführen, könnte dies dazu führen, dass diese Kryptowährung fester Bestandteil des internationalen Finanzsystems wird – und dadurch den gegenwärtigen Status als Spekulationsobjekt überwindet. Zudem ist dann davon auszugehen, dass andere Unternehmen dem Schritt von Amazon folgen. Damit würde Bitcoin genau jene Umgehung der Banken erreichen, die ein Gründungsziel der digitalen Währung war. Die Ausklammerung der Intermediäre oder Mittler ist ein typisches Merkmal der dezentralen Datenbank, der sogenannten Blockchain, mit deren Hilfe die Währung „gelagert“ und transferiert wird. 

Die Kritik der Banken dürfte daher auch von Existenzängsten getrieben sein. Zugleich wäre der Einstieg eines Weltkonzerns für Bitcoin aber auch die Stunde der Wahrheit: entweder etabliert sich die Kryptowährung endgültig im Finanzsystem oder sie erweist sich als limitiertes Zahlungsmittel. Denn die Menge an Bitcoins ist endlich: Das Mining, also die Geldschöpfung, ist durch Algorithmen und die benötigte Rechnerkapazität begrenzt. Schätzungen zufolge können bis zum Jahr 2130 maximal 21 Millionen Einheiten „geschürft“ werden. Durch diese Limitierung ist eine Inflationierung der Geldmenge, anders als bei Papierwährungen, ausgeschlossen. 

Doch auch wegen heftiger Kursschwankungen galt Bitcoin im Handel bisher als wenig praktikabel. Ein Konzern wie Amazon könnte dies absichern, indem es einen eigenen Token schafft – also eine mit einem Zahlungsversprechen hinterlegte, konzerneigene Kryptowährung. Bitcoins könnten von den Kunden dann in die Amazon-Währung umgetauscht werden. Die Folge: Der Gigant Amazon würde sein ohnehin umfangreiches Business-Ökosystem weiter ausbauen und würde quasi zur Bank – und zugleich auch zur Notenbank. 

Doch die Staatenwelt fürchtet eben diese Unterminierung der staatlichen Notenbanksysteme. So plant Russlands Präsident Putin ebenso wie die estnische Regierung die Einführung einer eigenen Kryptowährung. Auch China testet bereits über Transaktionen im Interbankenmarkt seine eigene digitale Währung „Neo“. Der Informatiker Adi Shamir, der das kryptografische Grundprinzip für die Bitcoin-Technologie mitentwickelt hat, glaubt deshalb, dass letztendlich nicht die Kritik aus der Finanzbranche, sondern staatliche Regulierung das Ende privater Kryptowährungen bedeuten könnten. 

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Christian Grünwald ist Ihr Ansprechpartner für Fragen zur Zukunft der Finanzindustrie.

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